„Sondervermögen“ wurde zum Unwort des Jahres 2025 gewählt. Doch was macht ein Wort überhaupt zum Unwort – und wie schädigen derartige Wörter die demokratische Diskussion? Einen Blick hinter die Kulissen bot Jurymitglied Dr. Kristin Kuck beim Politischen Frühstück von Attac.
Was macht ein Wort zum „Unwort“?
Einmal im Jahr, im Januar, steht die Sprachwissenschaft im Fokus der Öffentlichkeit: Dann macht eine Jury aus vier SprachwissenschaftlerInnen und einer JournalistIn das „Unwort des Jahres“ bekannt. Die Aktion „Unwort des Jahres“ existiert seit 1991. Ausgezeichnet werden Begriffe, die gegen Prinzipien der Menschenwürde oder demokratischen Kommunikation verstoßen oder bestimmte Gruppen diskriminieren.
Sprachkritik als demokratische Aufgabe
Die Sprachwissenschaft hat es sich zum Ziel gesetzt, sprachliche Normen zu beobachten und zu beschreiben. Die wissenschaftliche Sprachkritik ist ihr Leitbild. Ihr Credo lautet: Keine Gruppe darf vom Diskurs ausgeschlossen werden. Es geht darum, auf Wörter hinzuweisen, die diskriminierend und antidemokratisch sind. Es geht darum, zu sensibilisieren und Nachdenkprozesse anzustoßen, und sich die Frage zu stellen: „Möchtest du dieses Wort in diesem Wissen weiterhin benutzen?“.
Wie die Unwort-Jury arbeitet
„Wir haben ein bis zwei Sätze Zeit, um das Problematische eines Begriffes in unserer Pressemitteilung zu erklären, da mehr nicht wahrgenommen wird“ erläutert Kristin Kuck, die als Sprachwissenschaftlerin an der Universität Magdeburg tätig ist. Ungefähr 3.000 Vorschläge werden Jahr für Jahr von den Bürgerinnen und Bürgern eingereicht. Die ehrenamtliche Jury diskutiert die Einsendungen und wählt aus diesen aus.
Der politische Streit um Wörter
Im zakk gab Kristin Kuck am vergangenen Sonntag einen Überblick, wie der „Streit um Wörter“ in der politischen Auseinandersetzung funktioniert: wie Begriffe mit Bedeutungen aufgeladen werden, oder vereinnahmt oder abgewertet werden. Beispielsweise der Begriff der Generationengerechtigkeit, unter dem je nach politischer Ausrichtung Unterschiedliches verstanden wird, oder wie der Begriff „woke“ z.B. von der Trump-Regierung mit einer negativen Bedeutung versehen wurde. In der Analyse einer Passage aus dem AfD-Wahlprogramm von Sachsen-Anhalt zeigte die Referentin, wie dort neben Umdeutungsversuchen auch falsche Tatsachen behauptet und Vokabular aus dem Nationalsozialismus ohne Distanzierung verwendet wird.
Sprache als Werkzeug der Demokratie
Die Mittel der Sprache stehen jedoch allen zur Verfügung: Es gelte zu reflektieren, aufzuklären und sich der Sprache und Sprachkritik als Werkzeug zu bedienen. In der anschließenden, von Joachim Braun moderierten Diskussion kam die Rede auf das Problem der Konzentration von Medienmacht: Medienkonzerne können ihre Weltsicht und ihre Sprache besonders wirkmächtig zu Gehör bringen. Kristin Kuck, die in ihrer Düsseldorfer Zeit auch bei Attac aktiv war, betonte aber auch, dass es wichtig sei, in einer Demokratie stets im Diskurs über das Ziel einer gerechten Gesellschaft zu bleiben und sich die Bedeutungsoffenheit zu erhalten.
Das Politische Frühstück zeigte, dass Sprache weit mehr ist als ein neutrales Kommunikationsmittel. Sie prägt politische Debatten und gesellschaftliche Aushandlungsprozesse.Wer sich weiter mit dem Nachdenken über Sprache beschäftigen will oder selbst ein „Unwort“ vorschlagen möchte, hier die Webadresse: https://www.unwortdesjahres.net/




